Nachdem ich auf BlueSky folgenden Skeet (den Blogeintrag dahinter) gelesen hatte, musste ich einfach eine Antwort darauf verfassen. Aber genau das war ja auch von Christian gewünscht.
Ich verstehe den Impuls hinter diesem Text. Wirklich.
Die Idee, Donald Trump als eine Art unfreiwilligen Demokratie‑Lehrmeister zu lesen, als Stresstest, der am Ende sogar etwas Gutes hatte – das hat etwas Beruhigendes. Fast schon Tröstliches. Als könne man sagen: Ja, war schlimm, aber wir sind daran gewachsen.
Genau diesen Schluss halte ich allerdings für gefährlich.
Denn was hier als „Stresstest“ beschrieben wird, ist aus meiner Sicht kein einmaliges Extremereignis, sondern ein Modell, das längst Schule gemacht hat. Nicht nur in den USA. Auch bei uns. Und genau deshalb fällt es mir schwer, darin etwas Positives zu sehen.
Der Text geht davon aus, dass die Demokratie am Ende schon hält. Dass Institutionen greifen, Verfahren wirken, Gewalt ausbleibt. Und ja – formal stimmt das sogar. Aber Demokratie scheitert heute nicht mehr an Putschisten oder offenen Verfassungsbrüchen. Sie scheitert dort, wo alles formal korrekt abläuft und sich trotzdem etwas Grundlegendes verschiebt.
Das eigentliche Problem ist nicht der Ausnahmezustand, sondern die Normalisierung.
Autoritäre Politik funktioniert heute nicht, indem sie Regeln abschafft, sondern indem sie sie strategisch nutzt. Grenzen des Sag‑ und Machbaren werden Stück für Stück verschoben, immer gerade so weit, dass es noch als legitim gilt. Am Anfang wirkt alles pragmatisch, alternativlos, sachlich begründet. Später ist es einfach Verwaltungspraxis.
Und genau deshalb überzeugt mich der Gedanke nicht, man müsse diesen Prozess nur lange genug „aushalten“, um am Ende klüger daraus hervorzugehen. Erfahrungsgemäß passiert eher das Gegenteil:
Was einmal funktioniert hat, wird wiederholt.
Was ohne Konsequenzen bleibt, wird Standard.
Besonders skeptisch macht mich der implizite Optimismus, den der Text gegenüber Korrekturmechanismen hat. Impeachment, Wahlen, Mehrheitsverschiebungen – all das ist wichtig, keine Frage. Aber diese Instrumente sind langsam. In einer medial beschleunigten, polarisierten Gesellschaft sind ein oder zwei Jahre keine kurze Übergangsphase, sondern eine Zeit, in der sich Narrative, Machtverhältnisse und politische Kultur dauerhaft verändern können.
Wenn Demokratie erst dann reagiert, wenn die juristischen Notfallmechanismen greifen, ist der eigentliche Schaden meist schon angerichtet.
Was mich außerdem stört, ist der versöhnliche Unterton am Ende. Die Idee, man könne den angerichteten Schaden symbolisch abräumen, ein Denkmal bauen, einen Schlussstrich ziehen. Das verkennt, dass das Problem nicht an einer einzelnen Person hängt, sondern an dem Playbook, das erfolgreich getestet wurde – und jetzt überall wieder auftaucht.
Nicht als Kopie, sondern als Methode.
Deshalb fällt es mir schwer, hier von Dankbarkeit zu sprechen. Was wir gerade erleben, ist keine Lektion mit Happy End‑Garantie, sondern eine Warnung. Und Warnungen sollte man ernst nehmen, bevor sie sich wiederholen – nicht erst dann, wenn man sie historisch einordnen kann.
Vielleicht ist das weniger tröstlich.
Aber aus meiner Sicht deutlich realistischer.
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1 Kommentar
Zum Thema Modell: natürlich haben sich schon etliche an Trump ausgerichtet, ganz unabhängig von ihrer Intention. Trump ist quasi der Schlussstein dieser Konstruktion. Wenn man ihn ins Gitterbett steckt, fällt das ganze Teil auseinander.
Zum Thema Optimist: Naja, dafür bin ich mit meinen bald 62 wohl schon zu alt. Bin mehr Beobachter, der versucht helfend einzugreifen, wenn es irgendwo ganz arg knirscht.
Deswegen gehe ich am Ende nicht davon aus, dass Demokratie schon irgendwie hält. Also nicht gleich, aber sie wird immer wieder kommen, Triebkraft ist die Ungerechtigkeit. Insoferne dann doch, ja 🙂
Sonst bin ich weitgehend bei Dir und ist ja auch die zentrale Aussage meines Beitrags: die derzeit bestehenden demokratischen Institutionen sind zu langsam. Das ist im Umkehrschluss ja auch das, worauf Trump permanent hinweist, ob gewollt oder nicht, sei dahingestellt.
Deswegen muss man ja irgendetwas möglichst gewaltfrei improvisieren, da kann mensch der Kreativität freien Lauf lassen 🙂