Italien 2026 – Interrail von Diepholz bis Palermo

Zwölf Tage Interrail durch Italien, einmal quer bis nach Sizilien: Manche Reisen beginnen mit einem Flug und einem Zeitsprung. Diese hier begann mit einem Regionalexpress um kurz nach sechs in Diepholz – und genau das war der Punkt. Zwölf Tage Interrail, einmal quer durch Italien bis nach Sizilien und zurück, ohne einen einzigen Meter zu fliegen. München, Bologna, Neapel, Palermo, Rom. Dazwischen: Alpenpanorama, ein Zug, der auf ein Schiff fährt, eine ungeplante Papstaudienz und die Erkenntnis, dass man in jeder Stadt irgendwann auf einen Turm steigt, um sie zu verstehen.

Das hier ist das Reisetagebuch dazu. Tag für Tag, mit allem, was funktioniert hat – und dem, was nicht funktioniert hat, denn das ist bekanntlich die bessere Hälfte jeder Reisegeschichte.


Montag, 27.04.2026 – Von Diepholz nach München

Norddeutschland zieht vorbei, wie es das immer tut: flach, weit, Felder, Windräder. Erst mit dem Regionalexpress über Bremen nach Hannover, dann im ICE 787 nach Süden. Und irgendwo hinter Göttingen passiert dieser stille Umschlag, den man nicht am Fahrplan festmachen kann: Aus „unterwegs sein“ wird „auf Reisen sein“. Die Landschaft wird hügeliger, das Licht anders, und im Kopf klappt etwas um.

München empfing mich mit einem Klassiker der modernen Servicewelt: Das Self-Service-Terminal im A&O Hostel konnte mit meiner Airbnb-Buchung exakt nichts anfangen. Immerhin löste ein netter Rezeptionist aus Fleisch und Blut das Problem in zwei Minuten – der Mensch schlägt die Maschine, Stand April 2026. Das „hostellige“ Vierbettzimmer gehörte dann zum Glück mir allein.

Der Plan für den Abend war eigentlich ein Miles-Wagen und eine Wanderung draußen vor der Stadt. Die Miles-App hatte andere Pläne: weder PIN noch Passwort wurden akzeptiert, das Zurücksetzen scheiterte gleich mit. So viel zu smarter Mobilität. Also Plan B, und Plan B war – wie so oft auf dieser Reise – der bessere: Stadtwandern statt wandern.

Die Route führte vom Hostel die Nymphenburger Straße stadtauswärts, und mit jedem Kilometer wurde München leiser. An den Wasserläufen rund um Schloss Nymphenburg dann der Moment, für den sich der Spaziergang gelohnt hatte: Fledermäuse. Dutzende, im Tiefflug über dem Wasser, im letzten Abendlicht. Nicht das erste Bild, das man mit München verbindet – aber vielleicht gerade deshalb der perfekte Auftakt.

Zurück ging es standesgemäß unsportlich per E-Roller. Man muss sich ja nicht am Vorabend des eigentlichen Urlaubs schon komplett zerlegen.


Dienstag, 28.04.2026 – Über die Alpen nach Bologna

Es gibt Bahnhofssnacks, und es gibt den Frischkäse-Pfefferring von Rischart. Der landete gleich am Morgen auf meiner mentalen Liste „kann man wieder machen“ – ein Vermerk, der am Ende dieser Reise noch eine Rolle spielen wird.

Der RJ83 stand früh am Gleis, was einer Abfahrt immer etwas angenehm Unaufgeregtes gibt. Und dann: eine dieser Strecken, bei denen das Fenster das beste Bordprogramm ist. Hinter Rosenheim schieben sich die ersten Felswände ins Bild, Talräume, Hänge, diese sauberen Übergänge zwischen Ortschaft, Fluss und Bergkulisse. Rund um Innsbruck die volle Alpenbahnromantik. Ich fuhr die Strecke zum zweiten Mal, und das änderte den Blick: weniger Staunen, mehr Genießen. Wie bei einem guten Album, das man beim zweiten Hören besser versteht.

Bologna dann. Gepäck ins Hotel Internazionale, und sofort wieder raus – die erste Runde durch eine neue Stadt läuft bei mir immer ohne Masterplan. Unter Bolognas Arkaden ist Treibenlassen ohnehin die natürliche Fortbewegungsart: warme Fassaden, Gassen, Plätze, Bars, und diese ganz eigene Mischung aus studentisch, würdevoll und leicht abgegriffen. Ich mochte die Stadt nach einer Stunde.

Zum Abendessen selbstverständlich Tagliatelle al Ragù. Den Restaurantnamen habe ich mit einer Gründlichkeit vergessen, die fast schon wieder beeindruckend ist – daher hier ersatzweise ein Rezept. Geschmacklich: absolut korrekt. Danach in einen Conad, der erst nach normalem Supermarkt aussah, bis am Eingang die frischen Muscheln lagen. Große Bierauswahl: erfreulich. Chips mit „Pussy“-Geschmack: verstörend. Manche Dinge muss man nicht verstehen.

Die eigentliche Erkenntnis des Tages kam aber weder aus dem Restaurant noch aus dem Supermarkt, sondern irgendwo dazwischen, unter den Arkaden: In einer Stadt zu sein, in der einen niemand kennt, ist erstaunlich befreiend. Kein Termin, keine Rolle, kein bekanntes Gesicht. Nur laufen und schauen. Dieser Gedanke sollte mich die restliche Reise begleiten.


Mittwoch, 29.04.2026 – Banksy, Bierbänke und Bologna im Fluss

Der Tag begann mit Continental-Frühstück – solide Grundlage, null Überraschungen – und einem Künstler, der von Überraschungen lebt: Banksy, ausgestellt im Palazzo Fava. Die Ausstellung war besser als befürchtet, weil sie nicht nur Werke zeigte, sondern die Szene dahinter erklärte: Bristol, Graffiti, politische Bildsprache, der Weg vom Straßenkünstler zur globalen Figur. Am meisten hängen geblieben ist die Verbindung zur Musikszene rund um Massive Attack. Nur: Nach einer guten Stunde stand ich wieder draußen und dachte – das war’s schon?

Das MAMbo sollte die Lücke füllen, hatte aber noch zu. Die Sorte kleiner Museumsdämpfer, die auf Städtereisen einfach dazugehört. Und wie so oft war der Umweg die bessere Route: Ich landete im Parco del 11 Settembre, fand eine Bar, die Bier in Plastikbechern auf Bierbänke ausschenkt, und hatte damit das perfekte Setting für Sonne, Fotos sichten und diesen innerlichen Vermerk, den man auf Reisen manchmal setzt: Ja. Gefällt mir. Hier stimmt’s.

Der zweite Anlauf beim MAMbo am Nachmittag klappte dann. Gezeigt wurde unter anderem John Giorno, dazu Positionen aus der modernen und lokalen Kunstszene. Ehrliches Fazit: formal alles okay, emotional sprang der Funke selten über. Giorno selbst war noch am interessantesten – eine Figur, deren Wirkung man sich vorstellen kann, ohne gleich alles großartig finden zu müssen. Der Rest: gesehen, eingeordnet, weiter.

Also zurück zu dem, was Bologna am besten kann: Stadtschlendern unter Arkaden, durch Seitenstraßen, vorbei an Ecken, die gerade deshalb so angenehm sind, weil hier nichts geschniegelt wirkt. Abends bei Tagliatella Lasagne statt Ragù – eine sehr richtige Entscheidung. Danach bewusst früh ins Bett. Denn eines lernt man auf solchen Reisen schnell: Gemütliches Stadterkunden ist in Wahrheit ein ziemlich konsequenter Leg Day.


Donnerstag, 30.04.2026 – Antike Funde, Türme und ein Hotelwechsel

Letzter voller Bologna-Tag, und diesmal mit Plan statt Treibenlassen: Museums- und Innenstadtrunde, dazwischen der Wechsel ins Hotel Roma.

Erster Halt: das Archäologische Museum. Viel Ägypten, viel Italien, viele Vitrinen – und die ehrliche Erkenntnis, dass archäologische Museen stark davon leben, wie geistig fit man an dem Tag gerade ist. Ein echtes Highlight gab es trotzdem: den San-Francesco-Fund, enorme Mengen bronzener Kleinteile, vergraben in einem großen Terrakottagefäß. Hauptbestandteil laut Beschilderung: Gewandspangen. Google Lens hatte mir zunächst „Blutegelfiebeln“ als Übersetzung angeboten, was ein deutlich aufregenderes Museum versprochen hätte. Wieder was gelernt – über Bronzezeit und über maschinelle Übersetzung.

Richtig gelohnt hat sich danach der Palazzo d’Accursio, das Rathaus mit seinen teils kostenlos zugänglichen Ausstellungsbereichen. Fürs Kombiticket mit Uhrturm habe ich trotzdem gern bezahlt, denn von oben wurde Bologna zum ersten Mal als Ganzes greifbar: das Dächermeer, die kompakte Altstadt, die Reste der einstigen Turmstadt. Und der Eindruck, der sich seit der Ankunft aufgebaut hatte, bekam von hier oben seine Bestätigung: Bologna ist bei aller Geschichte nie museal. Es ist eine benutzte Stadt. Vielleicht das Gegenstück zu Florenz.

Drinnen fiel einiges für mich in die Kategorie „kirchliche Gemälde, die ich seit Florenz im letzten Jahr ausreichend abgefrühstückt habe“. Aber das Modell des mittelalterlichen Bologna war stark: Wer einmal gesehen hat, wie dicht und turmreich diese Stadt war, liest viele Straßenzüge plötzlich anders.

Auf der Piazza Maggiore wurde derweil die Bühne für den nächsten Tag aufgebaut – Primo Maggio, die Festa dei Lavoratori. Der Soundcheck lief nicht halbherzig, sondern mit kompletten Songs; die Stadt war spürbar im Vorbereitungsmodus für etwas Größeres. Ich dagegen im Abschlussmodus: Koffer ins Hotel Roma gerollt, Bett getestet, noch schnell Pesto, Snacks und ein Eis eingekauft. Die ersten Tage hatten genug Material geliefert.


Freitag, 01.05.2026 – Von Bologna nach Neapel mit Vesuvbonus

Der Tiefbahnhof von Bologna bleibt für mich einer der seltsamsten Orte des italienischen Bahnnetzes – irgendwo zwischen moderner Verkehrsinfrastruktur und Tiefgaragenästhetik. Praktisch, aber atmosphärisch leicht absurd. Von dort aus im Frecciarossa FR9619 nach Süden.

Die Strecke hatte einen ganz anderen Charakter als die Alpenfahrt: weniger spektakuläre Vertikale, dafür Weite. Felder, verstreute Orte, Industrieinseln, dazwischen Landschaften, die im schnellen Vorbeifahren fast ausgeruht wirken. Doch je näher Neapel rückte, desto dichter, unruhiger, nervöser wurde das Bild vor dem Fenster. Da kündigt sich eine andere Stadt an – und sie hält Wort.

Neapel ist sofort anders. Wärmer, voller, lauter. Und über allem dieser völlig unverschämte Hausberg, der die Stadt optisch dominiert, als hätte er sie sich ausgesucht und nicht umgekehrt. Das Hotel Sant’Angelo Palace lag zum Glück nur 150 Meter vom Bahnhof. Das Zimmer: eher so mittel, aber dominiert von einem absurd großen OLED-Panel, das den Restzustand fast dekorativ überspielte. Für eine Nacht völlig okay.

Eigentlich wollte ich ans Wasser – aber Neapel ist am Hafen nicht automatisch die Stadt für den entspannten Promenadenspaziergang. Also Planänderung, das inoffizielle Motto dieser Reise: Aussichtspunkt statt Ufer. Komoot lieferte zuverlässig und lotste mich durch abseitige Gassen, fern der großen Straßen, durch genau die herrlich heruntergekommenen Viertel, in denen Neapel gleichzeitig anstrengend und faszinierend ist. Treppen ohne Ende, schmale Durchgänge, Mauern, Innenhöfe – und dann, plötzlich, eine Sichtachse.

Oben wartete die Belohnung: der Blick über Stadt und Bucht, der Vesuv im Dunst, und als Bonus eine Lounge-Bar mit Sitzplatz und Vesuvblick. Klo, Klima, kostenlose Chips zum Bier – nach diesem Aufstieg die objektiv perfekte Pause. Dort Fotos bearbeitet, Tagebuch geführt, den Berg angeschaut.

Abends dann, Konfession sei erlaubt: kein italienisches Essen, sondern Five Guys, schräg gegenüber vom Hotel. Nach den Treppen des Tages genau richtig. Manchmal ist Authentizität einfach ein Burger.


Samstag, 02.05.2026 – Mit dem Zug aufs Schiff

Das Frühstück im feuchten Keller des Hotels gab sich sichtlich Mühe, aber gegen die Grundsubstanz des Hauses kam es nicht an. Egal – dieser Tag gehörte ohnehin der Strecke, und zwar der besonderen.

Vorher noch eine neapolitanische Eigenheit: Auf die Bahnsteige darf offenbar nur, wessen Zug gerade einfährt. Der Rest der riesigen Anlage – gefühlt fünfzehn Bahnsteige – lag gespenstisch leer da, eine merkwürdige Mischung aus Kontrolle und Kulisse. Der Intercity 723 passte vom Zustand her dann leider gut zum Hotel: ältere Sitze, Toiletten mit ehrlichem Retro-Gefühl, kein Bordbistro. Aber die Strecke machte alles wett: Küstenabschnitte, Orte am Hang, kleine Bahnhöfe, eine Landschaft, die spürbar auf Sizilien zuläuft. In Pizzo habe ich den Nasenbär-Baum dokumentiert. Check auf der persönlichen Erinnerungsliste.

Und dann der Moment, für den dieser Reiseabschnitt gebucht war: Der Zug fährt auf die Fähre. Wirklich. Der komplette Zug rollt in den Schiffsbauch, und man selbst steht wenig später an Deck, macht ein Selfie mit der eigenen Lok – die gerade Passagier ist wie man selbst – und trinkt einen Espresso, während die Straße von Messina vorbeizieht. Ich bin viel Zug gefahren in meinem Leben, aber das hier war eine ganz eigene, sehr spezielle Form von Bahnromantik. Besser wird Transit eigentlich nicht.

Auf der Weiterfahrt nach Palermo saß ich leider auf der falschen Seite fürs Meer. Dafür glaube ich, kurz den Ätna in der Ferne gesehen zu haben – wobei solche Momente ja immer unter Vorbehalt stehen: War das wirklich der Ätna, oder wollte ich nur, dass es der Ätna ist?

Die Ferienwohnung in Palermo war nach Neapel ein Volltreffer: loftartig über zwei Stockwerke, viel Platz, sofort das Gefühl, wieder vernünftig angekommen zu sein. Draußen wirkte die Stadt vom ersten Schritt an anders als Bologna oder Neapel – schmutzig, voll, laut, aber auf eine sehr lebendige Art. Der Platz vor der Wohnung war schwarz vor Menschen, und ich vermutete erst ein Fest. Die spätere Erkenntnis: möglicherweise einfach ein ganz normaler Abend in Palermo.

Lasagne gab es natürlich trotzdem – und sie fiel deutlich anders aus als in Bologna: mehr Sauce, weniger Balance, rustikaler, schwerer. Aber eben auch: lecker. Während des Essens erreichte mich dann noch per Kurznachricht eine dieser kleinen Wendungen des Lebens, bei denen eine bis dahin unvermutete Zahl plötzlich Bedeutung bekommt. Den Rest des Abends habe ich sehr zufrieden und sehr unspektakulär auf dem Sofa verbracht. Nach Zug, Schiff und Sizilien-Ankunft war das genau richtig.


Sonntag, 03.05.2026 – Palermo zwischen Meer, Museen und Luftwurzeln

Vom Meer hatte ich bei der Ankunft zu wenig gesehen, also stand es heute als Erstes auf dem Plan. CoMaps lotste mich Richtung Hafen, unterwegs lag ein Flohmarkt – schön zum Schauen, aber nicht gefährlich genug, um tatsächlich etwas zu kaufen.

Das erste echte Highlight des Tages stand dann etwas versteckt im Garten der Villa Garibaldi: drei riesige Feigenbäume, laut Schild rund 150 Jahre alt, mit Luftwurzeln und zusätzlichen Stützstämmen, die aussehen, als hätte der Baum beschlossen, sich selbst ein Gerüst zu bauen. Genau solche Dinge liebe ich auf Reisen: nicht die große berühmte Sehenswürdigkeit, sondern etwas, das biologisch und optisch einfach komplett irre ist. Danach ein Stück Promenade, Sonne, Wasser – ankommen in Palermo.

Weil erster Sonntag im Monat war, hatten die staatlichen Museen kostenlos geöffnet. Also thematischer Schwenk vom Meer zur Kultur, mit gemischter Bilanz: Das historische Museum war schnell abgearbeitet – römische Statuen, Kirchenbilder, Toilette mitgenommen, weiter. Bei der Galleria d’Arte Moderna musste ich erst warten, weil nur in kleinen Kontingenten eingelassen wurde. Was sich am Ende als Feature herausstellte: drinnen angenehm leer. Ein paar Bilder und Plastiken durchaus sehenswert, der ganz große Museumsrausch blieb trotzdem aus.

Nach der Pause in der Wohnung folgte der beste Moment des Tages: die Kathedrale von Palermo, genauer gesagt ihr Dach. Für wenig Geld geht es nach oben, der Zugang liegt halb versteckt hinter einem Altar und hat dadurch etwas angenehm Geheimnisvolles – und oben wartet ein wirklich guter Rundblick über die Stadt. Bologna hatte seinen Uhrturm, Neapel seinen Aussichtspunkt, Palermo hat sein Kathedralendach. Langsam wurde es Muster.

Das No-Mafia Memorial danach war leider deutlich weniger informativ als erhofft: sehr viele schwarz-weiße Bilder ermordeter Menschen, teils drastisch, der Großteil nur auf Italienisch. Ein wichtiges Thema, in dieser Umsetzung für mich aber eher unerquicklich. Also Eis auf die Hand und weiter Richtung Kapuzinergruft, vorbei am Palazzo Reale, wo die Monet-Ausstellung geschlossen hatte. An der Gruft dann die Ernüchterung: mindestens 60 Minuten Schlange, in der prallen Sonne. Meine Bereitschaft dafür war an diesem Punkt des Tages exakt null. Stattdessen Abkühlung im Straßencafé – auch ein Kulturgut.

Die Carbonara im I Cucci am Abend war leider eine Enttäuschung: zu knusprig gebratener Pancetta, merkwürdige Sauce. Dafür gab es Straßenmusik als Begleitprogramm. Und so endete ein sehr typischer Reisetag: nicht alles top – aber voll mit Bildern, Wegen und kleinen, neuen Beobachtungen. Die Bilanz, auf die es ankommt.


Montag, 04.05.2026 – Palermo aus dem Busfenster

Für heute hatte ich mir ein Kontrastprogramm vorgenommen: Palermo nicht erlaufen, sondern über seine Einkaufszentren und Verkehrswege kennenlernen. Klingt unspektakulär, ist aber eine erstaunlich gute Methode, um den Alltagsbetrieb einer Stadt mitzubekommen – das Palermo jenseits der Postkarte.

Die erste Busfahrt führte zu einem angeblichen Einkaufszentrum, das sich vor Ort als größerer Supermarkt mit ein paar angeschlossenen Geschäften entpuppte. Illusion zerschlagen, Einkauf für die Weiterreise trotzdem erledigt. Das eigentliche Erlebnis war ohnehin die Fahrt selbst: Palermo fährt nicht, Palermo schlingert. Straßenführung, Verkehr und Fahrstil machen den Bus zu einem Erlebnis, das für schwache Mägen nur bedingt geeignet ist – aber man sieht mehr von der Stadt als aus jeder sterileren Form der Fortbewegung. Höhepunkt: das vermutlich verbeulteste noch fahrende Auto des Tages. Es gehörte, natürlich, einer Fahrschule. Symbolischer wird’s nicht.

Zweiter Versuch mit der Straßenbahnlinie 1, die bis zu einem „richtigen“ Einkaufszentrum rausfährt. Und tatsächlich: diesmal eine echte Mall – allerdings eine globale Standardanlage. Mango, Zara, H&M, also exakt die Läden, die einen Ort austauschbar machen. Gerettet wurde der Ausflug von einem guten Supermarkt mit einer Bar-Bäckerei voller sehr gutem Gebäck und einer riesigen Nudelauswahl, bei der ich für zuhause ordentlich zugeschlagen habe. Dazu bei JP noch eine neue Shorts, damit der Tag nicht komplett unter „funktionaler Konsum“ verbucht werden musste.

Zum Abschluss noch eine Erkundung des Palermer Westens. Die angekündigte Tramlinie fand ich nicht, dafür Busse – also rein und einmal bis zur Endstation am Stadion und zurück. Auch das eine gute Entscheidung: andere Straßenzüge, Wohnviertel, städtische Übergänge, die man im Zentrum nie sieht. Weniger Postkartenmotiv, mehr Stadtkörper.

Abends dann KFC mit absurd salzigen Pommes – was in solchen Momenten eher Feature als Fehler ist – und „The Race“ auf dem Sofa. Auch auf Reisen braucht es manchmal Bingewatching statt Basilika.


Dienstag, 05.05.2026 – Von Palermo nach Rom

Reisetage haben ihre eigene Architektur: kein zusammenhängender Stadtrundgang, sondern Übergänge, Beobachtungen, kleine Stationen. Der Intercity 730 nach Rom lieferte davon reichlich.

Zunächst noch einmal das Highlight in umgekehrter Richtung: Sizilien, Zug, Schiff, Festland. Auf der Fähre habe ich diesmal einen Arancino probiert und direkt als gut eingestempelt – so ein Snack erklärt in einem Bissen selbst, warum es ihn gibt. Danach die angenehm unspektakuläre Phase jeder langen Zugfahrt: sitzen, rausschauen, lesen, kurz wegdösen, wieder rausschauen.

Zum Ende hin wurde es allerdings zäh. Die Klimaanlage hatte offenbar den Auftrag, den Wagen in eine mobile Tiefkühlzone zu verwandeln, und die letzten zwei Stunden fuhren wir durch Dunkelheit – womit auch das klassische „wenigstens aus dem Fenster schauen“ wegfiel. Ein Zug ohne Aussicht bei Überklimatisierung ist irgendwann einfach nur noch: Verkehrsmittel.

Umso dankbarer war ich, dass der letzte Abschnitt reibungslos lief. Über die Skywalks abgekürzt zur Metro, das Relais Roma Vaticano schnell gefunden – und an diesem Punkt gab es keinen Grund mehr, noch irgendeinen Ehrgeiz zu entwickeln. Direkt ins Bett.

Solche Tage sind im Rückblick nie die spektakulärsten, aber auf längeren Reisen vielleicht die wichtigsten: Sie bilden den Puffer zwischen zwei intensiven Städten. Palermo sacken lassen, Rom noch nicht beginnen. Einfach nur von A nach B kommen. Genau dafür war dieser Tag da – und genau das hat er geleistet.


Mittwoch, 06.05.2026 – Papstaudienz, Forum Romanum und einmal um den Vatikan

Manchmal stolpert man auf Reisen in Dinge hinein, die andere Menschen Monate im Voraus planen. Ich wusste nicht, dass an diesem Morgen die Generalaudienz des Papstes stattfand. Ich hatte nur zufällig direkt am Vatikan gebucht, klassisch italienisch im Café Mozart gefrühstückt – Croissant, Saft, Espresso – und war dann einfach mal rübergegangen.

Der Petersplatz war voll, und die gesamte Veranstaltung hatte etwas herrlich Surreales. So viele Menschen, die den Papst mit einer Mischung aus religiöser Hingabe und Popstar-Verehrung behandeln, sieht man nicht alle Tage. Die Musik half nach Kräften mit: „Dancing Queen“ und „Music Was My First Love“ als Teil des Drumherums erzeugten deutliche Event-Atmosphäre. Als dann das Papamobil seine Runde über den Platz drehte, pendelte die Szene endgültig irgendwo zwischen Liturgie und Show. Das eigentliche Highlight aber: die weiße G-Klasse, die den Papst persönlich die Stufen zum Petersdom hochfuhr. Hoppeldihoppeldi.

Danach die eigentliche Rom-Runde, ohne starres Ziel, aber mit grober Richtung stadteinwärts. Rom ist visuell und akustisch anstrengender als jede andere Stadt dieser Reise: Menschenmengen, Motorroller, enge Straßen, Lärm, Hitze, Gerüche – auch gute, wie die Lasagne zum Mittag im Ristorante Massenzio Ai Fori. Alles ist gleichzeitig da. Aber vielleicht wirken die historischen Räume gerade deshalb so stark, wenn man sie erreicht.

Beim Forum Romanum habe ich mich spontan für den Eintritt entschieden und es keine Sekunde bereut. Es ist einer dieser Orte, die man tausendmal auf Bildern gesehen hat und die einen vor Ort trotzdem mit ihrer räumlichen Wucht erwischen. Drei Stunden bin ich dort herumgelaufen, habe geschaut, gelesen, mich beeindrucken lassen – und verstanden, woraus Rom eigentlich besteht: aus Schichtung. Geschichte auf Geschichte auf Geschichte.

Zurück an der Unterkunft noch ein kleines Nachmittagsabenteuer: die Suche nach der „Vox Latina„, jener lateinischen Zeitschrift, die laut „Internet“ aus vatikanischen Kreisen stammen soll. Vor Ort kannte sie niemand. Kein Wunder, wie sich herausstellte: Sie kommt aus Saarbrücken. (^,^) Machste nix. Wo ich schon einmal da war, bin ich noch einmal komplett um den Vatikan herumgelaufen – und die hohen Mauern, die abgeschlossene Wirkung und der eigene Gleisanschluss machen diesen Staat auf eine ganz eigene Weise greifbar.

Rom verlangt einem viel Sinneseindruck ab. Da ist ein Tagesausklang mit einem guten Buch (Gott segne Sie, Mr. Rosewater – Kurt Vonnegut Jr.) manchmal genau das richtige Gegengift.


Donnerstag, 07.05.2026 – Letzter Rom-Tag, Skateshops und Nachtzug

Abreise erst am Abend, Gepäck durfte in der Unterkunft bleiben – und ohne Gepäck geht man anders durch eine Stadt: weniger wie jemand im Übergang, mehr wie jemand, der noch einen echten Tag vor sich hat.

Der Plan: eine Skateshop-Tour durch Rom. Der erste Laden hatte donnerstags geschlossen. Natürlich. Der zweite lief deutlich besser: neue Chino, neues T-Shirt. Im dritten dann noch einmal erfolgreich eskaliert mit neuer Cargo und zwei weiteren Shirts. Rein ökonomisch sicher diskutabel – als Reisetagserfolg völlig in Ordnung.

Was dabei erneut auffiel: Rom ist keine Stadt, in der man mal eben ein paar Läden abklappert. Selbst bei rein funktionalem Programm läuft, schwitzt und arbeitet man sich durch eine dichte Umgebung aus Verkehr, Menschen, Hitze, Pflaster und Geräuschen. Da ich ohnehin schon rund fünf Kilometer in den Beinen hatte, ging der Rest konsequenterweise auch noch zu Fuß zurück zur Wohnung. Schnell war das nicht. Aber konsequent.

Dort dann Wasser, durchschnaufen – und eine Erkenntnis, die zu spät kam: Die Dusche im Nachtzug gibt es nur in der ersten Klasse. Der Gedanke, später im Zug frisch in die Nacht zu starten, war angenehm gewesen, leider aber falsch. Im Nachtzug durch Schweden 2024 konnte noch jede*r duschen. Wieder was gelernt.

Am Abend nach Roma Tiburtina, einem Bahnhof mit klarer Botschaft: Hier wird abgefahren, nicht flaniert. Eine Stunde Wartezeit später rollte der EN294 ein – und mit ihm die Erkenntnis, dass ich den Wagen mit einer holländischen Lateinkursfahrt teilen würde. Die Lautstärke war damit vorprogrammiert, der Unterhaltungswert allerdings auch. Man nimmt aus solchen Nächten ja nicht immer Schlaf mit, manchmal eben andere Erkenntnisse: etwa, dass die Werwölfe in Holland aus Wakkerdam kommen und dass in Amsterdam offenbar auch Griechisch unterrichtet wird. ¯\_(ツ)_/¯

Die Nacht selbst: Kissen zu klein, Decke zu dünn, Matratze eher Brett als Bett. Zwei bis drei Stunden Schlaf vielleicht, in kleinen Etappen. Weniger Nachtruhe, mehr transportierte Müdigkeit.


Freitag, 08.05.2026 – München im Halbschlaf und dann heim

Filterkaffee im Morgenzug. Normalerweise überhaupt nicht mein Getränk – aber wer aus so einer Nacht kommt, bewertet Kaffee nach Funktion, nicht nach Stil. Und funktional war er sehr.

München empfing mich mit kleinteiliger Logistik: Gepäck ins Schließfach, dabei die Feststellung, dass die Wechselstube fürs Kleingeld einfach mal zehn Prozent nimmt – zum Glück hatte ich noch sechs Euro passend. Dann Schadensbegrenzung in eigener Sache: Weil das mit dem Duschen ja nichts geworden war, musste wenigstens eine Cappy her. TK Maxx, fünfzehn Euro, und das Gefühl, wieder halbwegs präsentabel auszusehen. Fairer Deal.

Die verbleibende Zeit füllte eine letzte Runde durch München – und die geriet zum überraschend guten Abschluss der Reise, mit diesem leichten Endzeitgefühl von „gleich geht’s wirklich heim“. Der Viktualienmarkt: mehr Touristenattraktion als echter Wochenmarkt, aber wunderbar zum Durchlaufen und Beobachten. Bemerkenswert vor allem, wie früh dort schon größere Mengen Bier bewegt wurden. Freitagvormittag, Maßkrug, ganz normal. München spielt nach eigenen Regeln.

Und dann, ein letztes Mal auf dieser Reise, nach oben: der Alte Peter. Die Zahl der Stufen hatte ich unterschätzt, oben war ich entsprechend am Schnaufen – aber der Blick über die Stadt war der richtige Schlussakkord, auch wenn es zu diesig für die Alpen war. Bologna, Neapel, Palermo, München: Jede Stadt dieser Reise habe ich am Ende von oben gesehen. Vielleicht braucht es genau das, um eine Stadt abzuschließen.

Danach ins Café Fräulein: Marmorkuchen, zwei Espresso, eine bewusste Verlängerung des letzten Reisetages. Und vor der Abfahrt natürlich noch einmal zu Rischart – zwei Pfeffer-Frischkäse-Ringe mussten mit. Die mentale Liste „kann man wieder machen“ vom zweiten Tag: hiermit offiziell abgearbeitet.

Der ICE 680 brachte mich nach Hannover, wo der deutsche Nahverkehr noch einen letzten Auftritt in Reinform hinlegte: Der Regio wartete nicht, also 59 Minuten später weiter nach Bremen und von dort mit dem letzten Zug der Reise zurück nach Diepholz.

Und dann wirklich: Home sweet Home. Zwölf Tage, fünf Städte, ein Schiff mit Zug drauf, ein Papst in einer G-Klasse, unzählige Treppen – und kein einziger Flughafen. Kann man wieder machen.


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